lebendige Kommunikation


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Artikel über das Gefängnisprojekt "neue Wege gehen"

Gefaengnisprojekt

Auf dem Weg in die Freiheit
Sie leben seit Jahren im Strafvollzug und haben noch etliche Jahre vor sich. Sie wollen erfahren, wie sie ohne Gewalt mit sich und anderen auskommen können. Bericht über ein GFK-Projekt in der JVA Sehnde.

Von Regine Rachow
Sie saßen zu zehnt in der Runde, im Blaugrau ihrer Anstaltskluft. Vorn, neben dem Flipchart, eröffneten eine Frau und ein Mann, beides Trainer „von draußen“, die Vorstellungsrunde. Nein, es ging ausdrücklich nicht ums Sündenregister. Aber die Höhe ihrer Haftstrafen nannten die Teilnehmer dieser Runde dann doch. Wie lange jemand einzusitzen hat, ist untereinander stets ein Thema. Da kamen weit mehr als Hundert Jahre zusammen, sagt Sead, und es klingt noch immer sehr verwundert. „Das erste, was ich dachte, war: Wow, alles Gewalttäter, die wir hier sitzen.“
Über das Gesicht von Jens Hennings, einem der beiden Trainer, huscht ein Lächeln. Nein, wird er später sagen, für ihn seien sie das eben nicht: „Gewalttäter“. Er und seine Kollegin Georgis Heintz haben eine andere Sicht auf die Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Sehnde. „Wir sehen sie als Menschen, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens – auch mehrfach – eine Gewalttat begingen“, sagt Jens Hennings.
Es gebe einen Unterschied zwischen dieser ihrer Sicht und dem allgemeinen Sprachgebrauch. Die Zuweisung, „Gewalttäter“ zu sein, hindere Gefangene daran, den
Menschen in sich zu erkennen, der sie sind. Statt Verantwortung für sich und ihr Verhalten zu übernehmen, würden sie sich dann, wenn's drauf ankommt, durch eine Hintertür davonmachen können, auf der dick und fett „Gewalttäter“ steht. „Sich als den Menschen zu sehen, der sie sind, motiviert sie dazu, sich um Alternativen zu ihrem Verhalten zu bemühen“, sagen Jens und Georgis. Die beiden zeigen ihnen, wie dies mit den Methoden der Gewaltfreien Kommunikation, der GFK nach Marshall Rosenberg, funktionieren kann. Ihr Kurs heißt: „Neue Wege gehen“.

Lernen, sich selbst zu verstehen
Sead ist Anfang Vierzig, groß gewachsen, kräftig und mit Schultern – ausreichend breit zum Anlehnen, würde man vielleicht sagen, wenn man ihm draußen begegnete. Sein Blick ist fest und weicht selten aus, und seine Stimme hat einem warmen Klang. Sead stammt aus Bosnien, wohin Frau und Kind nach seiner Inhaftierung zurückgingen. Was ihn bewog, sich für den GFK-Kurs zu melden? „Vor allem der Veranstaltungs-Titel“, sagt er. „Ich würde gern einen neuen Weg für mich finden. Ich hab nicht mehr viel Zeit im Leben. – Wenn ich hier raus bin.“ Zu Beginn des Kurses im vergangenen Herbst hatten Georgis und Jens ihre Teilnehmer gebeten, sich jeweils zu zweit zu überlegen, was sie in ihrem Kurs für sich erreichen wollen. Die Gedanken und Wünsche der Männer pinnten sie als Kriterien für einen „Seminar-Erfolg“ an die Wand. Für Sead waren es vor allem zwei Punkte: „Wie finden wir eine Lösung ohne Gewalt?“ und „Sich selbst verstehen“.
Mit ihren verklinkerten Bauten wirkt die JVA Sehnde für Ankommende wie ein Technologiezentrum. Oder eine Berufsschule. Drinnen, im allgemeinen Verkehrstrakt, den morgens und abends auch die Arbeitstrupps der Gefangenen benutzen, mutet die Anstalt wie eine Klinik an. Den Hauptgang, von dem unterschiedliche Trakte abgehen, bestimmen an beiden Seiten Fenster vom Boden bis zur Decke. Er erscheint endlos. Später erfahren wir, dass sie ihn hier Catwalk nennen, und finden: ein treffender Name. Es schließen sich einige Türen hinter uns, sie sind aus Glas, Sicherheitsglas. Die ersten Gitter werden wir vor dem Fenster im winzigen Büro von Ines Leitner sehen, Pressesprecherin der JVA Sehnde und Sozialarbeiterin. Wenn sie von ihrem Schreibtisch aus nach links schaut, blickt sie durch die Stäbe auf den Gefängnishof: groß und licht.
Sehnde ist ein Neubau, 1998 von der Regierung Niedersachsens beschlossen. Die bestehenden Einrichtungen im Land sollten entlastet werden. Auch forderte ein neues Gesetz einen höheren Standard des Strafvollzugs: Einzelunterbringung und pro Gefangenen achteinhalb Quadratmeter Haftraum-Mindestgröße, samt Nasszellen und abgetrennter Toilette. 2003 ist der Rohbau fertig. In jenem Jahr, so vermerkt es die Chronik, die man auf der Website lesen kann, erarbeiten die künftigen Mitarbeiter der JVA Sehnde „in 42 Projektgruppen die inhaltlichen Konzeptionen“. 2004 kamen die ersten Gefangenen.
Die JVA Sehnde war, erläutert Ines Leitner, vor allem für den Kurzstrafvollzug geplant. Die Realität sieht anders aus. Die Schwesterneinrichtungen im Lande sahen mit Sehnde eine Chance, ihre „schweren Fälle“ loszuwerden, und delegierten vor allem Gefangene mit Regel- und Langhaftstrafen. So lautet die nüchterne Charakterisierung der Inhaftierten in Sehnde heute: männlicher Erwachsenenstrafvollzug ab einem Alter von 25 Jahren und einer Haftstrafe von fünf Jahren an aufwärts. An Delikten findet sich alles, was das Strafgesetzbuch hergibt, sagt Frau Leitner. Vom Autodiebstahl über Drogendealerei, Raub, Vergewaltigung bis zum Mord. Gut vier Fünftel der 544 Anstaltsplätze sind belegt. Für rund 30 Menschen lautete das Urteil lebenslänglich. 66 Männer sitzen in Untersuchungshaft.
Es spricht für Leitung wie Angestellte, dass die JVA nicht vollends von ihren „inhaltlichen Konzeptionen“ abwich. Zum regulären Angebot an die Gefangenen gehören neben den üblichen „Neigungsgruppen“, die betreffen vor allem den sportlichen Bereich, so genannte soziale Trainingskurse zu Themen, die auf das Leben nach der Haft vorbereiten: etwa der Umgang mit Schulden, Fragen der Haushaltsführung, Beziehung und Partnerschaft. Und es gehören Seminare zum Umgang mit dem Thema Gewalt dazu. Zum Beispiel das Training zur Gewaltfreien Kommunikation.

Wahlmöglichkeiten im Handeln
Die Gewaltfreie Kommunikation gestattet einen friedlichen und einfühlsamen Umgang miteinander, indem sie eine Sprache nutzt, die bewusst auf Verletzungen verzichtet und vollständig auf das menschliche Fühlen – das fremde wie das eigene – ausgerichtet ist. Und auf die Bedürfnisse, die sich hinter den Gefühlen verbergen. Marshall Rosenberg entwickelte diese Kommunikationsmethode in den 60er Jahren. 1984 gründete er das Center for Nonviolent Communication (CNVC) in Albuquerque bei San Francisco, das seither Trainer und Mediatoren ausbildet und in alle Welt schickt – zur Schlichtung von Streit und Kämpfen in Krisengebieten. Marshall Rosenberg betätigt sich noch immer selbst in Krisenregionen, wie der Westbank, als GFK-Trainer und Mediator. Die Regierung Israels zum Beispiel hat die GFK offiziell anerkannt und bietet in Schulen entsprechende Trainings an.
In rund 40 Ländern weltweit werden inzwischen Trainerinnen und Trainer ausgebildet. In Deutschland beschäftigen sich Hunderte Frauen und Männer professionell mit der GFK, viele von ihnen wiederum auch im Rahmen internationaler Projekte an unterschiedlichen Orten dieser Welt.
Das Grundmodell der GFK mutet recht einfach an, es besteht aus vier Schritten, in denen wir für uns – beispielsweise in Bezug auf eine Konfliktsituation – folgende Fragen beantworten:
Was beobachten wir?
Was fühlen wir dabei/was fühlt der andere?
Was brauchen wir/was braucht der andere in dieser Situation?
Wie lautet unsere konkrete Bitte, damit das Bedürfnis erfüllt wird?
Was Menschen in einer konkreten Situation brauchen, lässt sich stets auf ein grundlegendes Bedürfnis zurückführen, zum Beispiel nach Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit, nach sozialer Anerkennung und soziale Nähe, nach Autonomie und Selbstverwirklichung. Menschliche Bedürfnisse lassen sich sehr konkret benennen. Zur sozialen Nähe zählen Freundschaft, Liebe, Geborgenheit, zur Anerkennung zählt zum Beispiel die Rücksichtnahme. Bedürfnisse können mit einander konkurrieren, wie das Bedürfnis nach Geborgenheit mit dem Bedürfnis nach Autonomie.
Als Georgis Heintz sich im Jahr 2000 erstmals mit der GFK befasste, habe sie vor allem berührt „zu erkennen, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben.“ Georgis Heintz ist ausgebildete Erzieherin im Bereich der Sonderpädagogik. Nach ihren ersten Berufsjahren reiste sie lange Zeit mit einem Wohnwagen um die Welt, lebte von Straßenmusik und Feuerjonglage. 1999 kehrte sie nach Deutschland zurück. Später lernte sie die „Projekte Alternativen zur Gewalt“ kennen, die
ursprünglich von Quäkern in den USA für die ehrenamtliche Arbeit im Strafvollzug entwickelt wurden. „Mein halbes Leben“, sagt Georgis, „habe ich nach einer Antwort auf die Frage gesucht, was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun. Und was sie daran hindert.“ Sie spürte, mit der GFK würde sie eine Antwort finden. Und der Schlüssel dazu sind die Bedürfnisse. „Sobald ich die erkenne, bei mir, beim anderen, eröffnen sich mir Wahlmöglichkeiten zu handeln.“

Die Sprache Jesu
Jens Hennings stand kurz vor der Rente, als er die Rezension eines Rosenberg-Buches las, sich das Buch besorgte und „in einem Ritt“ durchlas. Er hatte fast sein gesamtes Berufsleben als Manager eines großen Autokonzerns gearbeitet, zum Schluss in der Personalentwicklung des Unternehmens. Er begann sich mit Psychologie und Kommunikation zu befassen und nahm an Weiterbildung „alles mit“, was sich bot: Themenzentrierte Interaktion, Systemische Arbeit bis hin zur Aufstellung, Neurolinguistisches Programmieren, sogar den „kleinen Heilpraktiker“ absolvierte Jens Hennings. In den 90er Jahren machte er sich als Berater und Coach selbstständig, da war er bereits 56 Jahre alt. Seine Auftraggeber sitzen in der Wirtschaft, zunehmend auch im Non-Profit-Bereich.
Nach der Rosenberg-Lektüre, sagt Jens Hennings, sei ihm schlagartig klar geworden, dass alle bisherigen Kommunikationsmodelle im Grunde für die – geistig wie finanziell gut ausgestattete – „Mittelschicht“ entwickelt wurden. „Es bedarf bestimmter intellektueller Voraussetzungen, um sie nutzen zu können, und auch eines bestimmten Bildungsstandes.“ Mit Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation sei dies anders, sagt Jens Hennings. „Marshall arbeitete mit Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten, seine GFK habe in Straßengangs von San Francisco ebenso funktioniert wie in den Favelas vor Buenos Aires.“ Es könnte, so dachte sich Jens Hennings damals, die Sprache gewesen sein, die Jesus Christus gesprochen hatte. Sein zweiter Gedanke lautete: Das machst du von jetzt an für den Rest deines Lebens.
Das war 2004, ein Jahr vor seinem „Ruhestand“. Kurze Zeit später starten Jens und Georgis, die sich in einer GFK-Übungsgruppe kennenlernten, ihren ersten Kurs in Gewaltfreier Kommunikation für den Strafvollzug in der JVA Hannover. Später kam die JVA Sehnde dazu. Aktuell dürften dies bundesweit die einzigen GFK-Projekte mit Gefangenen sein, sagen beide. Mitte März werden sie Genaueres wissen, denn sie haben Gleichgesinnte zu einem Treffen in Sachen Gefängnisarbeit mit GFK nach Niederkaufungen eingeladen.
Siebenmal vier Stunden, jeweils am Freitagnachmittag, arbeiteten die beiden Trainer in ihrem ersten Kurs in Sehnde. Schon beim zweiten Treffen, sagt Andreas, wie Sead einer der Kurs-Teilnehmer, habe er „einen großen Aha-Effekt“ erlebt. „Jens machte Faxen, verrenkte seine Glieder so merkwürdig und stolperte durch den Raum.“ Die Teilnehmer sollten sagen, was sie beobachten. Einfach nur beschreiben, was sie sehen. „Na, war doch klar, dachte ich. Ist heute super gut drauf, der Jens, sagten wir.“ Doch der fragte nur: Woher wisst Ihr das? Ich hab doch lediglich mit den Armen gefuchtelt, mit dem Kopf gewackelt und die Beine geschlenkert. Genial, sagt Andreas. Das muss dir ja erst einmal bewusst werden, wie du Dinge und Menschen bewertest, bevor du dir überhaupt darüber klar wirst, was du beobachtet hast!
Andreas ist 45 Jahre alt und möchte, wenn er „rauskommt“, wieder Fuß fassen. Er hat Forstwirtschaft gelernt und Automobilkaufmann im zweiten Beruf, das war, als er das erste Mal im Gefängnis saß. Die GFK helfe ihm, „hier drin“ für sich eine Grenze zu ziehen. „Das musst du auch bei 22 Gefangenen, die wir auf Station sind, mit all dem seelischen Müll, den jeder vor sich herschiebt. Sonst gibt’s Magendrücken.“ Andreas kocht gern, er schwärmt von den Bosch-Geräten, mit denen die Küche „auf Station“ ausgestattet ist. Es passiere oft, dass man auf dem Gang von anderen „angehauen“ werde, und inzwischen gelinge es ihm auch, nein zu sagen, wenn er sich zum Beispiel gerade auf dem Weg in die Küche begibt. Ohne, dass der andere gleich ausflippe oder sich beleidigt zurückziehe. Letztlich nutzte es dem auch wenig, wenn man nur mit halbem Ohr hinhörte, weil man im Gedanken schon am Herd steht.

Was ist lebendig in euch?
Was bewog das Management der JVA Sehnde, ihren Insassen Kurse in der GFK anzubieten? Die junge Beamtin Ines Leitner wird etwas förmlich und antwortet mit dem Justizvollzugsgesetz. „Es schreibt vor, die Menschen im Strafvollzug zu befähigen, ein Leben ohne Gewalt zu führen.“ Dazu gehöre neben menschenwürdiger Behandlung und respektvollem Umgang ein Angebot an Maßnahmen der persönlichen Weiterbildung und Entwicklung.
Die Bildungsbeauftragten der JVA recherchieren die Angebote vor allem im Internet. Im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel erstmals ein Naikan-Seminar, eine Art innerer Einkehr, wie sie in japanischen Gefängnissen praktiziert wird. Sechs Gefangene aus Celle und Sehnde meditierten sieben Tage hintereinander von 6 bis 21 Uhr nach einem strengen Fragemuster über ihre Beziehungen zu nahestehenden Personen. Auch mit dem „Projekt Alternativen zur Gewalt“ hatte die JVA Sehnde gute Erfahrung gemacht.
All diese Maßnahmen stellen für Strafgefangene zunächst vor allem eine willkommene Ablenkung vom Gefängnisalltag dar und auch eine Gelegenheit, „Punkte“ zu sammeln, sagt Ines Leitner. Die Bereitschaft von Menschen im Strafvollzug, sich mit der eigenen Person und dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen, sei nicht sehr verbreitet. „Die Mehrzahl der Inhaftierten sieht sich als Opfer – Opfer einer schlimmen Kindheit, unglücklicher Umstände oder höherer Mächte.“ Und natürlich spiele Gewalt eine Rolle, bei den Untersuchungshäftlingen noch mehr als unter den Strafgefangenen. Die U-Haft bringt extreme Stressoren mit sich, wer dort sitzt, dessen Welt wankt, vieles ist in Frage gestellt: die berufliche Perspektive, die Partnerschaft, Freundschaften. Was sagen sie der Tochter, wenn sie sie besucht? Was den Eltern? Nach der Verurteilung wird die Perspektive für die Männer klarer. Sie wissen genau, wie viele Jahre sie mit den Menschen hier auszukommen haben, den Angestellten und den Mit-Gefangenen.
Für die fünf Teilnehmer aus ihrer Abteilung könne Ines Leitner guten Gewissens sagen, dass sie den GFK-Kurs wirklich freiwillig besuchten. Die Effekte im Verhalten der Teilnehmer blieben der Anstaltsleitung natürlich nicht verbogen. Ines Leitner sagt, sie finde sie so überzeugend, dass sie gern auch für sich selbst beanspruchen würde, an einem solchen Kurs teilzunehmen. Tatsächlich wird die Leitung der JVA 2009 auch für die Bediensteten einen GFK-Kurs starten.
Was ist für einen GFK-Trainer das Besondere an der Arbeit mit Gefangenen? Georgis Heintz vergleicht sie mit ihrer Arbeit in der Familienfreizeit und sagt, es gehe im Strafvollzug vor allem darum, zuzuhören. „Es herrscht da drin ein unglaublich hoher Frustlevel, und ständig ziehen die Männer übereinander her. Also fragen wir stets vor Beginn: Was ist lebendig in euch?“ Es geht um die Erlebnisse vom Tag, die dann anhand der vier Schritte noch einmal erlebt werden. Was habt ihr gesehen, was habt ihr gehört, wie ist es bei euch angekommen? Als Jens und Georgis zum ersten Mal Wolfs- und Giraffenohren auspackten, waren die Männer verblüfft. Dann lachten sie und hatten großen Spaß dabei, nach dem „Vier-Ohren-Modell“ von Rosenberg zu üben.

Es steht mir frei, ohne Gewalt zu sein
Was Jens Hennings und Georgis Heintz stets aufs Neue berührt, ist die tiefe Dankbarkeit ihrer Kursteilnehmer. Für viele sei dieser Kreis eine erste Gelegenheit, ihre Masken fallen zu lassen und den Menschen in sich zu erkennen. „Eine so große Offenheit erlebe ich außerhalb der Gefängnismauern nicht so oft“, sagt Jens, „auch nicht in GFK-Kursen.“ Am Ende eines Kurses machten sie, wie es in GFK-Kursen üblich ist, zuweilen eine Wertschätzungsrunde. Sie teilten die Zehn in zwei Gruppen und jede überlegte sich für jeden in der anderen Gruppe, was sie an ihm schätzten und wofür sie ihm dankten. Dann setzten sie sich wieder alle zusammen, stellten eine Kerze vor denjenigen, der die Wertschätzung empfing, und dann ging es los, im Stile der Gewaltfreien Kommunikation: Wenn ich zuhöre, was du hier beiträgst, spüre ich Wärme und fühle mich sicher. Das erfüllt mich mit Vertrauen und dem Wissen, dazuzugehören. Georgis und Jens sagen: „Oft war es dann ganz still im Kreis.“
Andreas sagt, dass es ihm vor allem durch das starke Wir-Gefühl in dem Kurs möglich war, sich zu öffnen. Es half ihm, sich als gleichwertigen Menschen zu sehen. Sead erzählt, dass er neulich seiner Frau in Bosnien am Telefon von der GFK berichtete. „Sie hat zuerst nur gelacht. Am nächsten Tag fragte sie mich, was macht ihr da? Ich sagte, wir reden darüber, wo die Gewalt herkommt. Und wie wir friedlich leben können. Sie sagte nur: Aha. Und schwieg.“ Er habe, sagt Sead, förmlich gesehen, wie es in ihr arbeitete. Wo wir wohnen, gibt es viel Gewalt, sagt er. Zwei Jahre war er im Krieg. Er hat Erfahrung mit Alkoholmissbrauch und Drogen.
Seit einem Jahr ist Sead „Hausarbeiter“ in seiner Abteilung. Er trägt Verantwortung für bestimmte Aufgaben, wie Reinigungsarbeiten oder das Essenausteilen. Das ist auch stressig, sagt Sead, man muss ganz schön aufpassen. „Heute Morgen hat sich so ein Typ doch wieder zwei Nusspli vom Tablett gegriffen. Es steht aber jedem von uns nur eines davon zu.“ Was tat Sead darauf hin? Sead überlegt kurz. „Ich hab nur gelacht“, sagt er, und es klingt wieder ein wenig verwundert. Noch vor wenigen Wochen, sagt er dann, hätte der Bursche „was erleben können“.
An dieser Stelle des Gesprächs beginnt Ines Leitner zu lachen. „Ach deshalb hat der sich heut den ganzen Tag eingeschlossen!“ Der hatte einfach Angst, dass er doch noch sein Fett abkriegt. Er konnte ja nicht wissen, dass Sead inzwischen gelernt hat, wie frei er in seinem Handeln ist.





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